Keine Zukunft für das Sumatranashorn?

 

Sumatranashorn, William Bell, 1793, Gemeinfrei.
Das erste der Wissenschaft bekanntgewordene Sumatranashorn, William Bell, 1793.

Für die Zukunft des Sumatranashorns (Dicerorhinus sumatrensis) sieht es wohl düsterer aus, als die meisten ahnen. Wie John R. Platt kürzlich berichtete, geht das Umweltministerium des malaysischen Staates Sabah auf der Insel Borneo davon aus, dass auf seinem Gebiet nur noch drei (!) Exemplare übriggeblieben sind. Und die befinden sich, vielleicht zu ihrem Glück, in menschlicher Obhut.

Das Sumatranashorn ist die am stärksten vom Aussterben bedrohte Nashornart. Zwar ist das ebenfalls in Südostasien vorkommende Javanashorn noch seltener – sein gesamter Weltbestand schwankt seit Jahrzehnten zwischen 30 und 60 Tieren -, doch sind die Tiere in ihrem mittlerweile letzten Refugium im Udjong-Kulon-Nationalpark (NP) auf Java einigermassen geschützt. Ob es an der Unzugänglichkeit der dortigen Sumpfwälder oder an der guten Arbeit der Wildhüter liegt – Wilderei spielt dort bislang keine nennenswerte Rolle. Allerdings wurde ein Restbestand der selben Art im Cat Tien-NP in Vietnam erst 2010 ausgelöscht, als das letzte bekannte Exemplar tot, mit abgetrenntem Horn, von Wildhütern aufgefunden wurde.

Die Aussichten für das Sumatranashorn sind aber noch bedrückender. Die Gesamtbestand liegt inzwischen anscheinend bei weniger als 100 Tieren, die sich zu allem Überfluss auf eine ganze Anzahl kleiner und kleinster Populationen aufteilen. Genaue Bestandszahlen für diese einzelgängerisch und versteckt im Regenwald lebende Art sind schwer zu ermitteln. Fast alle Daten gewinnt man mittlerweile über Kamerafallen; zusätzlich werden Kot- und Fussspuren ausgewertet. Jedenfalls sind selbst neuere Bestandsschätzungen wie die auf Wikipedia aus 2011 oder die der IUCN aus 2008, die noch von mindestens 200 Tieren ausgingen, offenbar schon nicht mehr aktuell.

Um den Niedergang dieser Tierart ganz ermessen zu können, sollte man sich ihr historisches Verbreitungsgebiet ansehen. Das war riesig! Ursprünglich kam das Sumatranashorn im Norden bis Bangladesh und Myanmar vor, angeblich sogar bis Bhutan. Vielleicht reichte ihr Vorkommen sogar bis nach China, wo sie aber spätestens im 16. Jahrhundert ausgestorben sein müssen. In Bangladesh wurde noch 1967 ein Exemplar bei Chittagong erlegt, und im äussersten Osten Indiens, in Manipur nahe der Grenze zu Myanmar, eines in den 1970ern. Noch in den 1990ern waren einheimische Jäger dort mit den Merkmalen dieser Art vertraut, und einer berichtete gar von der Sichtung eines ‚Zwergnashorns‘ (Choudhury, 1997). Die letzten Zeichen ihres Vorkommens in Myanmar waren Fussspuren, die Anfang der 1990er Jahre aus dem Tamanthi Wildlife Sanctuary gemeldet wurden. Noch in den 1980er Jahren waren dort mindestens neun Sumatranashörner gewildert worden (Rabinowitz et al, 1995). Nicht zuletzt deshalb klammerte sich die IUCN noch bis vor wenigen Jahren an die vage Hoffnung, im Norden Myanmars, der zu Zeiten der Militärdiktatur für westliche Forscher kaum zugänglich war, könnten Nashörner überlebt haben. Hatten nicht auch in Vietnam die Javanashörner den gesamten Vietnamkrieg und die folgenden 30 Jahre überlebt? Die Hoffnung stirbt halt zuletzt…

Verbreitung des Sumatranashorns.
Historische und aktuelle Verbreitung des Sumatranashorns. Die Vorkommen in Festland-Malaysia und im Südwesten Sumatras sind inzwischen erloschen. JayHenry, Gemeinfrei.

In Thailand rechnete man noch Ende der 1990er Jahre mit mindestens 10 Exemplaren (Foose & van Strien, 1997); seitdem fehlen offenbar Nachrichten. Und nun sind sie nach Angaben der International Rhino Foundation auch auf dem Malaysischen Festland ausgestorben, wo Wikipedia allein für den Taman Negara-NP noch für 2011 die Anzahl von 21-34 Tieren angibt! Natürlich werden noch einige Expeditionen nötig sein, um ihr Verschwinden zu bestätigen, aber bekannte Populationen existieren hier nicht mehr.

Damit bilden die Inseln Sumatra und Borneo die einzige Hoffnung für die Art. Am ehesten könnte das Sumatranashorn wohl in den NPs Gunung Leuser und Bukit Barisan Selatan und vielleicht in Way Kambas auf Sumatra überleben. Der Kerinci Seblat-NP, der noch in den 1980ern etwa 500 Exemplare beherbergt haben soll, ist heute nashornfrei. Auf Borneo, das einst fast flächendeckend besiedelt war, waren dagegen nur noch aus Sabah einige Tiere bekannt. Erst im Jahr 2007 gelang dem WWF dort mit Hilfe einer Kamerafalle

die erste Filmaufnahme eines freilebenden Sumatranashorns auf Borneo. Im letzten Jahr konnte dort dann sogar ein Weibchen gefangen werden, das in die Obhut des Borneo Rhino Sanctuary im Tabin Wildlife Reserve übergeben wurde und auf den Namen Iman getauft wurde. Das Tabin Wildlife Reserve befindet sich im Nordosten Borneos und ist eine Forschungs- und Artenschutzstation, wo jedem Nashorn ein eigenes, sehr grosses (ca. 100 ha) Gehege mit natürlicher Vegetation zur Verfügung steht. Iman lebt dort mit einem weiteren Weibchen und einem Männchen. Allerdings haben beide Weibchen deformierte Geschlechtsorgane, so dass eine natürliche Fortpflanzung nicht mehr möglich ist. In einem letzten Anlauf soll jetzt zu in-vitro-Befruchtung gegriffen werden, um vielleicht doch noch Nachwuchs von diesen Tieren zu erhalten. Ausserdem will man sie mit den übrigen sechs Sumatranashörnern, die sich noch Gefangenschaft befinden, zusammenbringen, um die Chancen auf Nachwuchs zu verbessern.

Doch der freilebende Restbestand in Sabah scheint jetzt erloschen. Das Tier, das dem WWF vor acht Jahren vor die Kamera gelaufen war, wird wohl ebenso tot sein wie seine Artgenossen, gewildert für den Markt in Vietnam und, zum kleineren Teil, China. Da Sumatranashörner offenbar sogar in Sekundärwäldern überleben können und andere Grosstiere, wie z.B. Elefanten, wenn auch ebenfalls gefährdet, so doch immer noch vorhanden sind, jedenfalls in Nationalparks und Schutzgebieten, bleibt nur Wilderei als Hauptursache (nicht dass die Umwandlung von Regenwald in Ölpalmen- und Kautschukplantagen keine Rolle spielen würde, aber ohne die Wilderei sähe die Zukunft für das Sumatranashorn sicher deutlich besser aus).

Einen allerletzten Funken Hoffnung gibt es noch für Borneo. Im indonesischen Teil der Insel gelangen dem WWF erst 2013 weitere Aufnahmen,

ebenfalls mit Kamerafallen, von ein oder zwei Nashörnern. Die indonesische Regierung weigert sich jedoch bisher, die Tiere für das internationale Schutzprojekt einzufangen, und es bleibt fraglich, ob sie in dem unwegsamen Gelände vor Wilderern geschützt werden können.

Das Sumatranashorn ist der letzte Überlebende einer über 20 Millionen Jahre alten Entwicklungslinie. Wir haben gerade erst angefangen, es zu erforschen, es wirklich kennen zu lernen. Noch vor hundert Jahren haben selbst unsere Forscher erst geschossen und dann gefragt. Wir haben erst vor kurzem gelernt, dass Sumatranashörner mit Pfeiflauten kommunizieren. Paarung, Geburt, Rivalenkämpfe, fast jeder Aspekt ihres Verhaltens wurden noch nie in der Natur beobachtet. Das Sumatranashorn verschwindet vor unseren Augen, weil ebenso ahnungslose wie gleichgültige Menschen mit dem Hornpulver, das so wirksam ist wie geraspelte Fingernägel, Kopfschmerzen und Kater behandeln, einfach nur, weil sie es können, weil es auch in Südostasien viele Neureiche gibt, die neuerdings zu Geld gekommen sind und es unbedingt zeigen müssen. Nicht spätere Generationen, sondern wir und niemand anders, entscheiden darüber, ob vom Sumatranashorn mehr bleibt als diese paar Filmsequenzen. Falls nicht – wie wollen wir das erklären?

Literatur:

Choudhury, A., 1997: The status of the Sumatran rhinoceros in north-eastern India. Oryx 31 (2): 151-152.

Foose, T.J. & N. van Strien (Editors), 1997: Asian Rhinos – Status Survey and Conservation Action Plan. IUCN, Gland, Switzerland and Cambridge, UK. 112 + v pp.

Rabinowitz, A., Schaller, G.B. & U. Uga, 1995: A survey to assess the status of Sumatran rhinoceros and other large mammal species in Tamanthi Wildlife Sanctuary, Myanmar. Oryx 29 (2): 123-128.

Rookmaaker, L.C., 1980: The Distribution of the Rhinoceros in Eastern India, Bangladesh, China, and the Indo-Chinese Region. Zoologischer Anzeiger 205 (3/4): 253-268.

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