Elefanten, Schmuggel, Krieg

Elefantenherde
Elefantenherde im Boma-Jonglei-Gebiet, Südsudan, 2011. USAID Public Bureau, Public Domain.

O.k., das kam jetzt etwas heftig. Eigentlich wollte ich nach meinem, zugegeben recht deprimierenden, ersten Blog-Post über das Sumatranashorn über andere Dinge schreiben, über die unglaubliche Vielfalt an Lebewesen auf diesem Planeten zum Beispiel, ihre ökologischen Beziehungen, ihre Entdeckungsgeschichte, unsere Versuche, diese Vielfalt zu erfassen ohne den Überblick zu verlieren, u.s.w.u.s.f. Aber dann das: Erst dieser Übersichtsartikel in Science Advance (Ripple et al., 2015), der den Status, die Gefährdungsursachen und die ökologischen Funktionen der grossen Pflanzenfresser der Erde in sehr übersichtlicher Form zusammenfasst, und der so nebenbei auch den katastrophalen Rückgang der Afrikanischen Elefanten thematisiert. Dann dieser beklemmende Bericht von Peter Canby zu den Hintergründen der Elfenbeinwilderei in der Zentralafrikanischen Republik (ZAR), und schliesslich meldet Spiegel Online einen dramatischen Anstieg der Elfenbeinwilderei in Tansania. (Mit den neuesten Zahlen zur Nashornwilderei will ich erst gar nicht anfangen…) Also werde ich noch einmal etwas Trübsal blasen und versuchen, mir den Frust vom Leib zu schreiben…

Zunächst die Zahlen: Einst lebten die zwei Arten Afrikanischer Elefanten, der Steppenelefant (Loxodonta africana) und der Waldelefant (Loxondonta cyclotis), zusammengenommen fast überall südlich des 15. Breitengrads (die antiken Vorkommen in Nordafrika ignorieren wir mal). Ihr Bestand muss in die zig-Millionen gegangen sein. Noch für die 1930er-1940er Jahre schätzt der WWF ihre Zahl auf 3-5 Millionen. 1979 wurde ihre Zahl allgemein mit 1,3 Millionen angegeben, um 1990 herum mit 600.000. Dass ihr Gesamtbestand noch immer – je nach Quelle – auf zwischen 500.000 und 700.000 Tiere geschätzt wird, liegt ausschliesslich daran, dass die Bestände in einigen gut geschützten Nationalparks, vor allem im südlichen Afrika, zwischenzeitlich bis an die Kapazitätsgrenze gewachsen waren. In anderen Regionen verlief der Rückgang umso dramatischer.

So sind schon seit einigen Jahren die Waldelefanten immer mehr in den Fokus der Wilderer gerückt. Zwischen 2002 und 2011 schrumpfte ihre Zahl um 62% (Maisels et al., 2013). Zwischen 2010 und 2012 wurden 100.000 Elefanten beider Arten gewildert. Das entspricht 15-20% des derzeitigen Gesamtbestandes (Wittemyer et al., 2014). Die kenianische Elefantenpopulation fiel zwischen 1973 und 1989 um 85%, die des Tschad zwischen 1970 und 2006 von 400.000 auf 10.000, die des heutigen Südsudan von rund 80.000 Anfang der 1980er Jahre auf 2.500 in 2014. In Tansania sank der Elefantenbestand im Selous-Mikumi-Ökosystem – einst der grösste in irgendeinem Schutzgebiet der Welt – von 109.000 im Jahr 1976 auf 13.000 (± 1800) im Jahr 2013, mit großen zwischenzeitlichen Schwankungen. Jetzt ist der Bestand im Ruaha-Rungwe-Gebiet von 35.000 in 2006 über 20.000 in 2013 auf nur noch 8.500 eingebrochen, insgesamt in Tansania seit 2009 um 60% oder 65.000 Tiere. (Quellen: die oben verlinkten, ausserdem Wikipedia [engl., die deutsche bleibt zu diesem Thema stumm…, weitere Quellen siehe dort], Pro Wildlife, siehe aber auch TAWIRI für weitere Zahlen aus Tansania).

Gut, die Zahlen sind mitunter schwer vergleichbar. Immer wieder werden unterschiedliche Bezugszeiträume und Bezugsflächen angegeben (mal ist es nur ein Nationalpark, dann ein Nationalpark incl. eines angrenzenden game reserve, dann wieder ein ganzes Ökosystem einschliesslich ungeschützter, aber von den Tieren auf ihren Wanderungen genutzter Gebiete). Oft widersprechen sich die Zahlen für ein bestimmtes Gebiet direkt. Gerade NGOs geben sich oft keine große Mühe, die Herkunft ihrer Zahlen und die dahinterstehende Methodik zu erläutern. Ich kann keine Gewähr für ihre Richtigkeit übernehmen. Aber die Größenordnung des Rückgangs dürfte in jedem Fall stimmen. Was also geht da ab?

Verbreitung Afrikanischer Elefanten
Verbreitung und Siedlungsdichte Afrikanischer Elefanten. © Riccardo Pravettoni, GRID-Arendal. Dort weitere informative Karten und Grafiken.

Der Rückgang der Afrikanischen Elefanten hat vor allem zwei Ursachen: der Verlust an Lebensraum durch die immer weiter wachsende Bevölkerung Afrikas, und die Wilderei. Doch während ersteres den Rückzug der Elefanten aus der Fläche gut erklärt, kann nur die Wilderei für die Verluste in den Nationalparks und Schutzgebieten in Frage kommen. Vor ein paar Jahrzehnten waren die meisten Wilderer Leute aus der Umgebung, die sich bei Nacht und Nebel zu Fuß in die Parks schlichen und mit Giftpfeilen Jagd auf die Dickhäuter machten. So etwas kommt offenbar immer noch vor, z.B. wurde der berühmte Elefantenbulle Satao in Kenias Tsavo-NP im letzten Jahr durch einen solchen Giftpfeil getötet. Aber in den meisten Regionen ist die Wilderei längst Big Business geworden.

Der Handel mit geschützten Arten ist inzwischen eine der fünf Säulen der weltweiten organisierten Kriminalität, neben dem Handel mit Drogen, Menschen und Waffen sowie der Warenfälschung. Allein mit Elfenbein und Nashornhorn werden jeweils Umsätze in Höhe von Hunderten von Millionen US-$ erzielt; insgesamt schätzt der WWF das Handelsvolumen (Link zu pdf) bei geschützten Arten auf 7,8-10 Milliarden US-$. Da viele der Schmugglersyndikate nicht nur auf einem Feld aktiv sein dürften, können die Gewinne aus einer Aktivität leicht in eine andere investiert werden. So werden auch Erfahrungen, Infrastruktur, Netzwerke korrupter Beamter etc. geteilt.

Aber die Gewinne bleiben nicht nur in Asien. Zunehmende Beträge fliessen auch nach Afrika, nur nicht in die Hände derer, die sie am dringendsten benötigen. Vor allem die scheinbar allgegenwärtigen Terromilizen und Rebellengruppen in vielen Teilen des Kontinents haben in den letzten Jahren erkannt, daß die Wilderei auf geschützte Arten ein lukratives Geschäft ist, mit dem sich Waffenkäufe ebenso finanzieren lassen wie die Loyalität der Gefolgsleute. Deshalb kann ich den des Englischen Mächtigen nur dringend die Lektüre des oben erwähnten Artikels von Peter Canby empfehlen. Wie es scheint, sind inzwischen nicht nur die Dschandschawid im Sudan und die Lord’s Resistance Army in Uganda (oder wo auch immer sich ihr Anführer Joseph Kony zur Zeit aufhält) sondern auch die Al-Shabaab in Somalia in den Elfenbeinhandel involviert. Wer da gegen wen kämpft oder warum ist doch völlig egal – alle brauchen Waffen und Munition, Fahrzeuge, Sprit, Sold, was auch immer ein richtiger Rebell so benötigt. In der ZAR beteiligten sich die muslimischen Seleka ebenso an der Wilderei wie nach ihrem Rückzug die christlichen Anti-Balaka. Über die verschiedenen Rebellengruppen, die nach dem mittlerweile dritten Krieg in der DR Kongo seit 1996 existieren oder existierten, hat eh niemand mehr den Überblick, aber das macht nichts, denn selbstverständlich bedienen sich alle unterschiedslos am Elfenbein der Waldelefanten, und ich wette, dass auch Boko Haram oder die Rebellen in Mali, wo es die letzten westafrikanischen Wüstenelefanten gibt, kräftig dabei mitmischen.

Angesichts dieser Dimensionen verwundert es mich ehrlich gesagt, dass das Thema Wilderei oder, allgemeiner, der Handel mit geschützten Arten, noch immer von vielen Menschen als ein Luxusproblem reicher, verwöhnter Mittelschichtler in Europa und Nordamerika angesehen wird. Die Verbindungen zum organisierten Verbrechen und zum Terrorismus sollten aber endlich auch die internationale Politik aufhorchen lassen. Es wird Zeit, dass analog zum „War on Drugs“ ein Krieg gegen die Wilderer und Artenschmuggler ausgerufen wird, bei dem die Behörden, genau wie ihre Gegner, auf die selben Methoden und Infrastrukturen zurückgreifen könnten, die auch beim Kampf gegen die anderen vier Säulen der organisierten Kriminalität eingesetzt werden. Dabei ist klar, dass dieser Kampf nicht in Afrika – um beim Beispiel zu bleiben – gewonnen werden kann. Die Absatzmärkte in Fernost sind entscheidend. Die Vorstellung, dass die neue Mittelschicht in China, Vietnam und anderen fernöstlichen Ländern indirekt den islamistischen Terror in Nordafrika mitfinanziert, finde ich, ehrlich gesagt, ziemlich gruselig.

Manch einer wird einwenden, dass der „War on Drugs“ ebenso grandios gescheitert sei wie einst die Prohibition in den USA und es besser wäre, den Handel mit geschützten Arten zu legalisieren, vielleicht auf Basis einer Quotenregelung. Aber diese Option haben wir nicht. Um einen Mitkonkurrenten – in diesem Fall die Anbieter gewilderten Elfenbeins – aus dem Markt zu drängen, muss das Angebot deutlich grösser als die Nachfrage sein. Nur dann können die Preise so sehr sinken, dass die illegale Produktion unrentabel wird. Nur weil die Schnapsregale in unseren Supermärkten immer voll sind, lohnt sich die Schwarzbrennerei in kriminellem Maßstab nicht mehr. Bei geschützten Arten ist das aber schlichtweg nicht möglich. Angesichts der Gewinnspannen, die mit Elfenbein oder Nashornhorn erzielt werden, müsste ein Vielfaches der derzeitigen Menge auf den Markt geworfen werden, um die Preise genügend weit zu drücken, zumal sinkende Preise sofort die Nachfrage ankurbeln würden. Aber woher sollen die Elefanten kommen, deren Elfenbein man dafür braucht? Aus Mittelerde?

Ich habe auch keine Patentlösung. Was mir einfällt, ist so banal und zugleich so unfassbar schwierig, dass man sich am liebsten gleich in die Embryonalhaltung begeben und so verharren möchte. Erstens muss es gelingen, die Menschen in Ostasien davon zu überzeugen, dass ihr Konsumverhalten, das ja nicht nur Elefanten und Nashörner, sondern auch Schuppentiere, Schildkröten, Tiger, Umberfische, Haie, Tropenhölzer und vieles andere betrifft, in anderen Teilen der Welt irreparable Schäden anrichtet, und dass sie Verantwortung dafür übernehmen müssen. Ich weiss nicht, wie sich das in der ostasiatischen Mentalität verankern lässt, die der unseren oft so fremd erscheint. Ich halte das aber ausdrücklich für keine Einmischung in die inneren Angelegenheiten dieser Länder, da ich der festen Überzeugung bin, dass wir in EINER Welt leben und dies unser aller gemeinsame Angelegenheiten sind. Wenn mich eins die Ökologie gelehrt hat, dann dies. Wir Menschen müssen endlich ein gemeinsames Wertefundament finden, um auf diesem winzigen Planeten eine Zukunft zu haben.

Und natürlich müssen auch wir Europäer unserer Verantwortung gerecht werden und nach den selben Standards leben, die wir anderen abverlangen. Auch unser Konsumverhalten geht allzu oft auf Kosten von Mensch und Natur in ärmeren Ländern, die sich nicht wehren können. Vor allem aber muss Afrika, der Vergessene Kontinent, endlich befriedet und aus der Armut geführt werden, durch mehr Bildung, medizinische Versorgung, Stärkung der Frauenrechte und Zugang zu Verhütungsmitteln, wirtschaftliche Perspektiven für die Menschen vor Ort u.s.w.

Ich weiss, das ist naiv. Aber hey, was haben wir zu verlieren?

So, ich gehe jetzt am besten in den Wald und trete ein paar Bäume um… 😉

 

Literatur:

Maisels F, Strindberg S, Blake S, Wittemyer G, Hart J, Williamson EA, et al. (2013) Devastating Decline of Forest Elephants in Central Africa. PLoS ONE 8(3): e59469. doi:10.1371/journal.pone.0059469

Ripple, WJ, Newsome, TM, Wolf, Ch, Dirzo, R, Everatt, K T, Galetti, M, et al. (2015) Collapse of the world’s largest herbivores. Science Advances, Vol. 1 no. 4 e1400103 doi: 10.1126/sciadv.1400103

Wittemyer, G, Northrup, JM, Blanc, J, Douglas-Hamilton, I, Omondi, P, Burnham, KP (2014) Illegal killing for ivory drives global decline in African elephants. PNAS 111 (36) 13117-13121 doi:10.1073/pnas.1403984111

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