Die Letzten ihrer Art? – Auf den Spuren von Douglas Adams Teil III

Berggorilla
Berg­go­ril­la. Foto: Dave Prof­fer, CC BY 2.0

Wei­ter geht’s auf den Spu­ren von Dou­glas Adams und Mark Car­war­di­ne zu den Letz­ten ihrer Art. Dies­mal geht es zu den

Berg­go­ril­las
(Goril­la beringei beringei)

der Virun­ga-Vul­ka­ne im Her­zen Afrikas.

Im August des Jah­res 1902 brach der deut­sche Haupt­mann Fried­rich Robert von Beringe zu einer mehr­mo­na­ti­gen Inspek­ti­ons­rei­se an die Nord­west­gren­ze des dama­li­gen Deutsch-Ost­afri­ka auf, um eini­ge ver­streu­te deut­sche Pos­ten in der Regi­on zu besu­chen, die Bezie­hun­gen zu den orts­an­säs­si­gen Stam­mes­häupt­lin­gen zu fes­ti­gen und gegen­über den Bri­ten im angren­zen­den Ugan­da Prä­senz zu zei­gen. Der Weg führ­te die klei­ne Expe­di­ti­on vom heu­ti­gen Bujum­bu­ra am Nord­ufer des Tan­gan­ji­ka­sees aus nach Nor­den, am Kivu­see vor­bei bis an den Fuß der Virun­ga-Vul­ka­ne im heu­ti­gen Ruan­da. Mit­te Okto­ber war die Grup­pe am Fuß des erlo­sche­nen Vul­kans Sabi­n­yo ange­kom­men, des­sen Gip­fel heu­te genau auf dem Drei­län­der­eck Ruan­da, DR Kon­go und Ugan­da liegt. Weil der Berg nun ein­mal da war, beschloss man, ihn zu besteigen:

„Am 17. Okto­ber ver­lie­ßen wir mit einer Zelt­aus­rüs­tung, acht Was­ser­las­ten, fünf Aska­ris und den not­wen­digs­ten Trä­gern unser Lager auf dem Sat­tel und gelang­ten in 4 ½ Stun­den bis zu einer Höhe von etwa 3100 m. Der Weg führ­te uns zunächst über ver­ein­zel­te Fel­s­par­tien durch den nicht sehr hohen Bam­bus­wald mit dich­tem Unter­ge­strüpp, durch wel­ches wir uns zwei Stun­den lang mit dem Mes­ser den Weg bah­nen muss­ten, trotz­dem wir des öfte­ren Ele­fan­ten­pfa­de benutz­ten. Wir tra­fen hier auf vie­le Rin­der­spu­ren und Bam­bus­hüt­ten, wel­che den Ein­ge­bo­re­nen der Land­schaft Usum­bi­ro zum Schlupf­win­kel gedient hat­ten. Nach zwei Stun­den Marsch gelang­ten wir auf Stein­ge­röll mit Brom­beer­sträu­chern und Blau­beer­pflan­zen. Die Vege­ta­ti­on wur­de mit jedem Schritt spär­li­cher, die Stei­gung immer grös­ser und der Weg beschwer­li­cher, so dass wir die letz­ten 5/4 Stun­den nur noch über gro­ße Stein­blö­cke klet­tern muss­ten. Wir befan­den uns auf einem nach Süd­wes­ten zu anstei­gen­den Fels­grat, zu bei­den Sei­ten eine steil abfal­len­de, tie­fe Schlucht. Der Grat war gera­de noch breit genug, dass wir schwin­del­frei vor­wärts kom­men konn­ten. In einer Höhe von etwa 3100 m schlu­gen wir unser Zelt auf einer durch Bewer­fen von Moos mög­lichst eben gemach­ten Stel­le auf, wel­che gera­de Platz für unse­re Zelt­de­cke bot, wäh­rend die Holz­pf­lö­cke schon am Abgrund befes­tigt wer­den muss­ten. Unse­re Trä­ger und Aska­ris such­ten Schutz in den Fels­höh­len, um sich hier durch Feu­er gegen die emp­find­li­che Käl­te zu schüt­zen. Von unse­rem Lager aus erblick­ten wir eine Her­de schwar­zer, gro­ßer Affen, wel­che ver­such­ten, den höchs­ten Gip­fel des Vul­kans zu erklet­tern. Von die­sen Affen gelang es uns, zwei gro­ße Tie­re zur Stre­cke zu lie­fern, wel­che mit gro­ßem Gepol­ter in eine nach Nord­os­ten sich öff­nen­de Kra­ter­schlucht abstürz­ten. Nach fünf­stün­di­ger, anstren­gen­der Arbeit gelang es uns, ein Tier ange­seilt her­auf­zu­ho­len. Es war ein männ­li­cher, gro­ßer, men­schen­ähn­li­cher Affe von etwa 1 ½ m Grö­ße und einem Gewich­te von über 200 Pfund. Die Brust unbe­haart, die Hän­de und Füße von unge­heu­rer Grö­ße. Es war mir lei­der nicht mög­lich, die Gat­tung des Affen zu bestim­men. Für einen Schim­pan­sen hat­te der­sel­be eine wohl noch nicht bekann­te Grö­ße, und das Vor­han­den­sein von Goril­las ist bis jetzt bis zu den Seen hin noch nicht fest­ge­stellt wor­den.“ (Deut­sches Kolo­ni­al­blatt. XIV. Jahr­gang, Nr. 12. Ber­lin, 15. Juni 1903.)

Die Virun­ga-Vul­ka­ne waren zu die­sem Zeit­punkt nicht gera­de wei­ße Fle­cken auf der Land­kar­te. Die ers­ten Euro­pä­er, die sie aus der Fer­ne gese­hen hat­ten, waren die bri­ti­schen Ent­de­cker John Han­ning Spe­ke und James Augus­tus Grant gewe­sen, als sie 1864 auf der Suche nach der Quel­le des Nils vom Tan­gan­ji­ka­see aus in Rich­tung Ugan­da unter­wegs waren. Die Ein­hei­mi­schen hat­ten ihnen erzählt, in jenen Ber­gen leb­ten men­schen­ähn­li­che „Mons­ter, die nicht mit Men­schen spre­chen konn­ten“, doch Spe­ke und Grant waren den Ber­gen erst­mal nicht näher gekom­men. Die For­schungs­rei­sen­den, die in den fol­gen­den Jahr­zehn­ten Zen­tral­afri­ka bereis­ten, hör­ten nichts von sol­chen angeb­li­chen „Mons­tern“. Im Jahr 1898 brach der Bri­te Ewart Gro­gan zu einer Durch­que­rung des afri­ka­ni­schen Kon­ti­nents zu Fuß von Kap­stadt nach Kai­ro auf. Wäh­rend eines Jagd­aus­flugs am Fuß der Virun­ga-Vul­ka­ne stieß er auf das Ske­lett „eines rie­si­gen Men­schen­af­fen, grös­ser als alles was ich je gese­hen hat­te, aber ich sah kein leben­des Exem­plar.“ Doch er schick­te nicht das Ske­lett, son­dern lie­ber sei­ne Jagd­tro­phä­en nach London.

Die anfäng­li­che Ver­wir­rung von Berin­ges über die Iden­ti­tät der Tie­re war ver­ständ­lich. Goril­las kann­te man bis dahin nur aus dem west­li­chen Zen­tral­afri­ka, aus Gabun, der Repu­blik Kon­go und Kame­run, eben dort, wo der West­li­che Flach­land­go­ril­la (Goril­la goril­la) behei­ma­tet ist. Das ist rund 1.300 km von den Virun­ga-Vul­ka­nen ent­fernt und selbst für afri­ka­ni­sche Ver­hält­nis­se eine ziem­li­che Distanz. Von Beringe war auch kein Zoo­lo­ge. Also ließ er dem gebor­ge­nen Affen – der ande­re war einen sinn­lo­sen Tod gestor­ben – das Fell abzie­hen und die Kno­chen vom Fleisch rei­ni­gen und sand­te bei­des erst ein­mal Rich­tung Küs­te nach Dar­es­sa­lam. Dort kamen nur der Schä­del und das Rumpfske­lett an. Fell und Bein­kno­chen hat­ten das Inter­es­se einer Hyä­ne geweckt, die bei­des nicht mehr her­ge­ben woll­te. Aber der Rest war wert­voll genug und gelang­te schließ­lich in die Hän­de von Paul Mat­schie, dem Lei­ter der Säu­ge­tier­ab­tei­lung am dama­li­gen König­li­chen Zoo­lo­gi­schen Muse­um in Ber­lin, dem heu­ti­gen Naturkundemuseum.

Mat­schie war in der Zeit von etwa 1890 bis zu sei­nem Tode 1926 einer der füh­ren­den Säu­ge­tier­kund­ler der Welt, doch er ent­wi­ckel­te in den letz­ten 20 Jah­ren sei­nes Lebens ein paar – sagen wir: selt­sa­me – Theo­rien, die ihm schon in den ers­ten Nach­ru­fen auf sei­nen Tod den Ruf eines Mys­ti­kers ein­brach­ten – nicht gera­de ein Kom­pli­ment für einen Natur­for­scher! Zudem war Mat­schie, 65 Jah­re nach Erschei­nen von Dar­wins revo­lu­tio­nä­rem Haupt­werk, noch immer ein über­zeug­ter Anhän­ger der Leh­re von der Art­kon­stanz. Glück­li­cher­wei­se nah­men die­se Spin­ne­rei­en erst wäh­rend der zwei­ten Hälf­te sei­ner Kar­rie­re Besitz von ihm und änder­ten nichts an sei­nen über­aus pro­fun­den Kennt­nis­sen über Säu­ge­tie­re. Als er den Affen­schä­del aus Dar­es­sa­lam in Emp­fang nahm, erkann­te er sogleich, dass es sich tat­säch­lich um den eines Goril­las han­del­te. Er stell­te aber auch Unter­schie­de zu denen ande­rer Goril­las aus West­afri­ka fest, und schloss dar­aus, dass es sich um eine neue Art han­deln müs­se, die er nach ihrem Ent­de­cker Goril­la beringei nannte.

Die Zoo­lo­gen in Euro­pa und Ame­ri­ka nah­men die Ent­de­ckung des Berg­go­ril­las mit gro­ßem Inter­es­se auf, doch für die nächs­ten 20 Jah­re beschränk­te sich ihre Erfor­schung dar­auf, Exem­pla­re für die Muse­ums­samm­lun­gen zu erle­gen. Dabei stell­te sich her­aus, dass Goril­las auch in den tie­fer gele­ge­nen Regen­wäl­dern des öst­li­chen Kon­go­be­ckens leb­ten, und wie­der hat­te Mat­schie das Pri­vi­leg, die­se Goril­las benen­nen zu dür­fen, dies­mal, im Jahr 1914, als Goril­la graue­ri.

Es dau­er­te eine gan­ze Wei­le, bis sich die Wis­sen­schaft­ler dar­über klar gewor­den waren, mit wie vie­len Goril­la­ar­ten sie es dabei eigent­lich zu tun hat­ten. Zunächst wur­de eine Unzahl Arten beschrie­ben, die sich nur durch äußerst gerin­ge, sub­jek­tiv wahr­ge­nom­me­ne Unter­schie­de aus­zeich­ne­ten, und Paul Mat­schie war an die­ser Infla­ti­on nicht unbe­tei­ligt. Bald danach schwang das Pen­del um, und alle Goril­las wur­den in einer ein­zi­gen Art ver­ei­nigt. Erst­mals Anfang der 1960er Jah­re wur­de die Ansicht ver­tre­ten, die Goril­las öst­lich des gro­ßen Kon­go­bo­gens sei­en eine eige­ne Art, die von den Goril­las im Wes­ten zu tren­nen sei, doch die­se Auf­fas­sung setz­te sich erst seit der Jahr­tau­send­wen­de durch. Die­se Ost­go­ril­las wie­der­um wer­den heu­te in zwei Unter­ar­ten auf­ge­teilt. Der eigent­li­che Berg­go­ril­la (Goril­la beringei beringei), ist auf das Gebiet der Virun­ga-Vul­ka­ne beschränkt, genau­er gesagt auf die Kegel der sechs erlo­sche­nen Vul­ka­ne Mike­no, Karis­im­bi, Viso­ke, Sabi­n­yo, Muha­b­u­ra und Gahin­ga. Vom Öst­li­chen Flach­land­go­ril­la (Goril­la beringei graue­ri) ist er durch die zwei akti­ven Vul­ka­ne Nya­mu­ra­gi­ra und Nyira­gon­go getrennt. Letz­te­rer bewohnt das Gebiet zwi­schen dem west­li­chen Gra­ben­bruch und dem Kon­go, wobei das Wort „Flach­land­go­ril­la“ durch­aus irre­füh­rend ist, denn die Höhen­ver­brei­tung bei­der Unter­ar­ten über­lappt sich erheb­lich. Eine mög­li­che drit­te Unter­art lebt im Bwin­di Imp­ene­tra­ble Forest NP in Ugan­da. Die­se Tie­re wer­den aber vor­läu­fig zu den Berg­go­ril­las gezählt.

Schon zwan­zig Jah­re nach ihrer Ent­de­ckung schie­nen die Berg­go­ril­las im Virun­ga-Gebiet so sel­ten zu sein, dass die bel­gi­sche Kolo­ni­al­re­gie­rung im Jahr 1925 den Albert-Natio­nal­park ein­rich­te­te, der vier Jah­re spä­ter noch ein­mal erwei­tert wur­de und nun die gesam­te Vul­kan­ket­te ein­schloss. Mit dem Sam­meln von Goril­las­ke­let­ten und ‑häu­ten war es zumin­dest hier erst­mal vor­bei. Aber die wei­te­re Erfor­schung der Tie­re kam nur schlep­pend vor­an. Vie­le Wis­sen­schaft­ler waren der Ansicht, dass die Tie­re, die so scheu und zurück­ge­zo­gen in schwer zugäng­li­chen Wäl­dern leb­ten, im Frei­land ein­fach nicht zu erfor­schen waren. Als für die Welt­aus­stel­lung in Brüs­sel 1958 ein Film unter der Betei­li­gung des Tier­fil­mers Heinz Siel­mann über die Tier­welt des dama­li­gen Bel­gisch-Kon­go gedreht wur­de, in dem auch Goril­las vor­kom­men soll­ten, fing man kur­zer­hand eine gan­ze Grup­pe Öst­li­cher Flach­land­go­ril­las samt dem Sil­ber­rü­cken ein, sperr­te sie in ein weit­läu­fi­ges Gehe­ge und film­te sie dort. Ein paar Jah­re hielt man die Tie­re danach noch für wis­sen­schaft­li­che Unter­su­chun­gen; was aus ihnen gewor­den ist, ent­zieht sich mei­ner Kennt­nis. Der Film wur­de nicht recht­zei­tig fer­tig, erschien aber spä­ter in vie­len Län­dern der Erde im Kino.

Gorilla-Mutter mit Kind
Goril­la-Mut­ter mit Kind. Foto: Carine06, CC BY-SA 2.0

Und dann kam ein sechs­und­zwan­zig Jah­re alter Dok­to­rand aus den USA und änder­te das Spiel. Geor­ge Schal­ler und sei­ne Ehe­frau reis­ten im Jahr 1959 nach Zen­tral­afri­ka, um das Leben der Berg­go­ril­las im Frei­land zu erfor­schen. Die ers­ten paar Mona­te ver­brach­ten sie damit, ein geeig­ne­tes Stu­di­en­ge­biet zu fin­den, und lie­ßen sich von ein­hei­mi­schen Füh­rern im Spu­ren­le­sen aus­bil­den. Dann began­nen die Beob­ach­tun­gen. Vor­her hat­ten For­scher ver­sucht, Goril­las anzu­füt­tern, oder hat­ten sich in Tarn­ver­ste­cken ver­bor­gen. Doch die gro­ßen Men­schen­af­fen waren zu miss­trau­isch, um das mit­ge­brach­te Fut­ter auch nur anzu­rüh­ren, und wegen ihrer noma­di­schen Lebens­wei­se kehr­ten sie oft wochen­lang nicht an die sel­be Stel­le zurück. Schal­ler wag­te etwas völ­lig ande­res. Er näher­te sich den Tie­ren allein und setz­te sich in eini­ger Ent­fer­nung, aber für die Goril­las deut­lich sicht­bar, auf einen umge­stürz­ten Baum­stamm oder in eine nied­ri­ge Ast­ga­bel. Die Wahl des Stu­di­en­ge­biets war dafür ent­schei­dend, denn in den lich­ten Hage­nia-Wäl­dern an den Hän­gen des Mt. Karis­im­bi war die Sicht­wei­te dafür geeig­net. Schal­ler trug immer die sel­be Klei­dung und ver­folg­te die Tie­re nicht, wenn sie auf­bra­chen. Die Tie­re hat­ten somit kei­nen Grund zu flüch­ten. Und er hat­te Erfolg. Mit der Zeit gewöhn­ten sich die Goril­las an ihn und an sei­ne Frau, und bei­de konn­ten eine Fül­le an Beob­ach­tun­gen machen, zum Teil aus nur weni­gen Metern Entfernung.

Schal­ler war ein Pio­nier, dem ande­re folg­ten. Am berühm­tes­ten ist natür­lich Dian Fos­sey, deren Leben sogar fürs Kino ver­filmt wur­de. Über sie und ihre Arbeit wur­de so viel geschrie­ben, dass ich mich hier kurz fas­sen will. (Wer mehr über Dian Fos­sey erfah­ren will, der fin­det in ihrem eige­nen Buch „Goril­las im Nebel“ sowie in Far­ley Mowats „Das Ende der Fähr­te“, das auch die Gescheh­nis­se nach ihrem gewalt­sa­men Tod beleuch­tet, sicher genug Lese­stoff.) Fos­sey hat unglaub­lich viel getan, um das Schick­sal der Berg­go­ril­las zu popu­la­ri­sie­ren und damit Res­sour­cen zum Schutz der Tie­re zu mobi­li­sie­ren. Aber sie hat durch ihre Arbeit und die inten­si­ven und emo­tio­nal bewe­gen­den Berich­te dar­über auch zugleich den Anreiz und viel­leicht sogar die Vor­aus­set­zun­gen für Tou­ris­ten geschaf­fen, die eben­falls ein­mal frei­le­ben­de Goril­las aus nächs­ter Nähe erle­ben woll­ten. Schon zu der Zeit, als sie noch im Karis­o­ke Rese­arch Cen­ter zwi­schen den Gip­feln des Mt. Karis­im­bi und des Mt. Viso­ke tätig war, tauch­ten die ers­ten Tou­ris­ten­grup­pen dort auf und woll­ten sich von ihr Goril­las zei­gen las­sen, meist unan­ge­mel­det. Fos­sey war davon extrem genervt, nicht nur wegen deren oft dreis­ten und unsen­si­blen Ver­hal­tens, son­dern natür­lich auch, weil sie sich als Wis­sen­schaft­le­rin ver­stand und die Anwe­sen­heit von Tou­ris­ten das Ver­hal­ten ihrer Stu­di­en­ob­jek­te beein­fluss­te. Außer­dem war sie wohl ehr­lich der Mei­nung, dass Men­schen grund­sätz­lich nichts Gutes für die Goril­las bedeu­ten würden.

Aber schon 1979 wur­den dann tat­säch­lich die ers­ten bei­den Goril­la­grup­pen an Tou­ris­ten habitu­iert, d.h. an sie gewöhnt, und seit­dem dürf­ten ein paar hun­dert­tau­send Men­schen, unter ihnen auch Dou­glas Adams und Mark Car­war­di­ne, den Goril­las im Frei­land begeg­net sein. Nur ein paar Zah­len dazu: Allein im Jahr 2008 und nur in Ruan­da waren es laut Rob­bins et al. (2010) fast 20.000 Tou­ris­ten, mit denen Ein­nah­men in Höhe von fast 8 Mil­lio­nen US-$ erzielt wur­den – und das, obwohl die Tou­ris­ten­grup­pen auf acht Per­so­nen beschränkt sind und jede Goril­la­grup­pe pro Tag nur für eine Stun­de besucht wer­den darf. Im Jahr 2010 gab es allein im Virun­ga-Gebiet 24 habitu­ier­te Goril­la­grup­pen (Gray et al. 2010); das sind 70% aller Goril­las des Gebiets. Dazu kom­men noch­mal rund ein Dut­zend habitu­ier­ter Grup­pen im Bwin­di-NP. Das geht nicht immer ohne Pro­ble­me für die Goril­las aus. Vor allem die Über­tra­gung von Krank­hei­ten ist für die Men­schen­af­fen gefähr­lich, und tat­säch­lich wird der Tod von zwei Goril­las im Jahr 2009 auf die Über­tra­gung einer Atem­wegs­er­kran­kung durch Men­schen zurück­ge­führt (Pala­ci­os et al., 2011)

Den­noch haben die Berg­go­ril­las davon ins­ge­samt pro­fi­tiert. Die lücken­lo­se Über­wa­chung der Grup­pen, die nötig ist, um die Tie­re jeder­zeit zu fin­den, schreckt auch Wil­de­rer ab. Und die Habitu­ie­rung ermög­licht den Tier­ärz­ten des Moun­tain Goril­la Vete­ri­na­ry Pro­ject, die Goril­las in situ zu behan­deln, z.B. bei Ver­let­zun­gen durch Schlin­gen oder bei Infek­ti­ons­krank­hei­ten. Tat­säch­lich wach­sen habitu­ier­te Grup­pen um gut 4% pro Jahr, wäh­rend sol­che, die kei­nen regel­mä­ßi­gen Kon­takt zu Men­schen haben, ten­den­zi­ell sogar schrump­fen (Gray 2010, Rob­bins et al. 2011).

Im Jahr 1971 began­nen sys­te­ma­ti­sche Zäh­lun­gen der Goril­las im Virun­ga-Gebiet. Damals nahm der Bestand noch ab und erreich­te sei­nen Tief­punkt 1981, mit nur 242 siche­ren und mög­li­chen 12 wei­te­ren Tie­ren. Seit­dem ent­wi­ckelt sich die Goril­la-Popu­la­ti­on unterm Strich auf­wärts. Es gab natür­lich auch Rück­schlä­ge. Wäh­rend des Geno­zids in Ruan­da 1994 kam der Tou­ris­mus zum Erlie­gen und wur­de erst 1999 wie­der auf­ge­nom­men, die Wil­de­rei nahm in die­ser Zeit wie­der zu. Die For­schungs­sta­ti­on Karis­o­ke, wo Dian Fos­sey einst gewirkt hat­te, war zer­stört wor­den. Aber ins­ge­samt ent­wi­ckelt sich der Bestand der Berg­go­ril­las in eine posi­ti­ve Rich­tung. Bei der letz­ten Zäh­lung (Gray 2010) wur­den im Virun­ga-Gebiet 464 Goril­las gezählt und 480 geschätzt – fast dop­pelt so vie­le wie vor 30 Jah­ren. Dazu kom­men noch ein­mal rund 400 Goril­las im Bwin­di NP aus einer Zäh­lung in 2011. Damit ist der Berg­go­ril­la zur Zeit die ein­zi­ge Men­schen­af­fen­form, deren Bestand wächst!

Die Fra­ge ist aller­dings, wie lan­ge die­ser Trend noch anhal­ten kann. Denn eines kön­nen alle bis­her unter­nom­me­nen Schutz­maß­nah­men nicht bewir­ken: die Rück­ge­win­nung von Lebens­raum! Sowohl das Virun­ga-Gebiet, das heu­te auf drei Natio­nal­parke auf­ge­teilt ist, als auch der Bwin­di-NP sind grü­ne Inseln in einem Meer aus Kul­tur­land. Ein Blick aus dem Welt­raum, z.B. bei Goog­le Maps, macht das bes­ser deut­lich als alle Wor­te die­ser Welt. Die Berg­go­ril­las wer­den auf ewig auf die­sen bei­den Inseln fest­sit­zen, die am Ende nur einer begrenz­ten Zahl von ihnen wer­den Platz bie­ten kön­nen – und auch das nur, solan­ge die ein­hei­mi­sche Bevöl­ke­rung einen Wert in ihrer Exis­tenz sieht, der den von Acker­land übersteigt.

Quel­len:

Gray et al. 2010. Virun­ga Mas­sif Moun­tain Goril­la Cen­sus – 2010. Sum­ma­ry Report. (Down­load PDF)

Mat­schie, P. (1903). Über einen Goril­la aus Deutsch-Ost­afri­ka. Sit­zungs­be­rich­te des Gesell­schaft natur­for­schen­der Freun­de, Ber­lin, 1903, 253–259. Link.

Rob­bins MM, Gray M, Faw­cett KA, Nut­ter FB, Uwin­ge­li P, Mbu­ra­num­we I, et al. (2011) Extre­me Con­ser­va­ti­on Leads to Reco­very of the Virun­ga Moun­tain Goril­las. PLoS ONE 6(6): e19788. doi:10.1371/journal.pone.0019788

Schal­ler, G.B. 1963. The Moun­tain Goril­la. Eco­lo­gy and Beha­vi­or. Uni­ver­si­ty of Chi­ca­go Press. xviii+432 pp.

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